Impfnebenwirkungen

Ich wurde von mehreren Leserinnen des Blogs angesprochen, ob alles okay ist. Ja, es ist alles okay. Ich bin an einer groß angelegten Feldstudie zum Thema Glück beteiligt, die meine volle Aufmerksamkeit erfordert, sodass das Tagebuch ein wenig ins Hintertreffen geriet. Und um ehrlich zu sein: So viel tut sich im Augenblick ja auch nicht. Die Zahlen gehen rauf, die Stimmung vielerorts runter, und es wird gestritten, wie man die Pandemie am besten bekämpft. Darüber wird mancherorts das Handeln vergessen.

Heute wurden 24.000 Impftermine für Hamburger Ü60 vergeben. Die Nachricht ging viral; erreichte mich 10.37 Uhr und 10.59 Uhr hatte ich meine Termine gebucht. Ich war echt aufgeregt; mein Blutdruck stieg dermaßen an, dass ich vermutlich mit diesen Werten auch einen Termin in der Priogruppe zwei bei den Risikopatienten bekommen hätte. Ich verbuche es unter Impfnebenwirkungen.

Viele Menschen, denen ich die Nachricht weitergeleitet hatte, konnten auch Termine für sich buchen und die Nachricht wiederum an ihre Freunde weiterleiten. Heute Abend fand ich daher viele dankbare und glückliche Nachrichten in meinen Postfächern. Dies sind dann die schönen Impfnebenwirkungen.

Oxymoron

Ein Oxymoron ist eine rhetorische Figur, bei der eine Formulierung aus zwei gegensätzlichen, einander widersprechenden oder sich gegenseitig ausschließenden Begriffen gebildet wird (Quelle: Wikipedia).

Gestern in den Nachrichten hörte ich ein schönes Beispiel für ein Oxymoron. Armin Laschet sprach von “einem kurzen und harten Brückenlockdown bis zu dem Zeitpunkt, an dem viele Menschen geimpft sind.”

Ich bin in puncto Impfen und Zeitplanung inzwischen eher skeptisch und vermute, dass selbst deutsche Ingenieure so lange Brücken nicht bauen können.

Osterbaum – Ostern und Weihnachten werden immer ähnlicher.

Glückstage

Am 20. März war Weltglückstag. Die Grundschule um die Ecke hatte gleich eine ganze Projektwoche zum Thema Glück. Jetzt haben sie die Arbeitsergebnisse in einem Schaukasten ausgestellt. Glück ist für sie ein “chices” Eis oder mit dem Bruder zu lachen. Besonders gut gefiel mir die Aussage von Rafael, weil man daran so gut sieht, wie sehr sich die Perspektive in den letzten 12 Monaten geändert hat und wie wichtig Schule für Kinder ist.

Aprilscherz?

Eben hörte ich im Radio, dass ein kleines norwegisches Reiseunternehmen Impfreisen von Deutschland nach Russland anbietet und um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob es stimmt oder nicht. Im letzten Sommer hatten die meisten von uns für Sputnik V nur ein müdes, leicht überhebliches Lächeln übrig. Inzwischen hat das Vakzin Vertrauen gewonnen, sodass auch die EU Interesse angemeldet hat. Und das Vakzin ist verfügbar. Beides hat den findigen Reiseunternehmer jetzt auf die Idee gebracht, Impfreisen nach Russland anzubieten. Es gibt zwei Nachteile: Die Reisen sind nicht ganz billig, und man muss hinterher in Quarantäne. Aber letzteres muss man auch, wenn man in Frankreich war. Das Verrückte an der ganzen Geschichte ist allerdings, dass ich mir unsicher bin, ob es ein Aprilscherz ist oder nicht. Wie sagte meine Mutter kürzlich so treffen: “Die Welt ist verrückt geworden. Noch verrückter als ich.”

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
in grünem Knospenschuh;
Er kam, er kam ja immer noch,
die Bäume nicken sich's zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
nun treiben sie Schuss auf Schuss;
im Garten der alte Apfelbaum,
er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz
und atmet noch nicht frei;
es bangt und sorgt: Es ist erst März,
und März ist noch nicht Mai.

O schüttle ab den schweren Traum
und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag's auch du.

(Theodor Fontane)

Optimismus

“Optimismus” fristet in Deutschland ein Schattendasein. Bei der Nennung von typisch deutschen Eigenschaften würde es “Optimismus” vermutlich nicht unter die Top 10 schaffen. Nun ist mir allerdings aufgefallen, dass viele Bürger sehr optimistisch sind, was das Ergebnis ihres Schnelltests angeht und häufig keinen Plan B haben, falls dieser positiv ist. Ich zähle auch dazu. Ich gehe seit einigen Wochen regelmäßig zu Schnelltests, weil ich für Besuche im Seniorenhaus einen tagesaktuellen Schnelltest benötige. Die Möglichkeit, dass dieser Test auch positiv sein könnte, existierte bis gestern nicht in meinem Kopf. Ich verhalte mich ja fast immer corona-konform mit Abstand, Maske etc. Dass dies die meisten Bürger fast immer machen und sich trotzdem inzwischen über 20.000 Menschen täglich anstecken – häufig ohne zu wissen wo – habe ich vollständig ausgeblendet.

Wie naiv dieser Optimismus ohne einen Plan B ist, wurde mir bewusst, als Mallorca-Reisende und Vertreter der örtlichen Tourismusbehörde gefragt wurden, was sie machen, wenn jemand vor dem Rückflug nach Deutschland positiv getestet wird. Die Antwort war, dass dies nicht vorkommen wird, da niemand mit dem Virus auf die Insel kommt.

Die Psychologin Gabriele Oettingen und ihr Team haben herausgefunden, dass uneingeschränkter Optimismus nicht zielführend ist. Die zugrundeliegende Auffassung, ich denke einfach nicht an Schwierigkeiten, die auftreten könnten, dann treten sie auch nicht auf, führt dazu, dass man bei dem kleinsten Problem, das sich einem in den Weg stellt, aus der Bahn geworfen wird und sein Ziel aus den Augen verliert.

Nun bin ich gespannt, wie Mallorca reagieren wird, wenn der erste Tourist nicht mitgenommen wird und auf der Insel in Quarantäne muss. Ich für meinen Teil habe für den unwahrscheinlichen Fall eines positiven Tests erst einmal meine Schokoladen-, TK- und Lebensmittelbestände aufgefüllt. Just-in-Time-Lebensmittelhaltung erschien mir ein wenig kritisch. Und wenn alles gut läuft, umso besser. Dann wird alles nach und nach aufgefuttert, bis ich wieder feststelle, dass ich eigentlich gar nichts im Hause habe…

Anstand

Laut dem Deutschen Universal Wörterbuch vom Duden-Verlag versteht man darunter “gute Sitte, schickliches Benehmen”. Dieses schickliche Benehmen scheint vielen Firmen und Mandatsträgern in den letzten 12 Monaten abhanden gekommen zu sein. Langsam und unspektakulär kam es abhanden, wie in manchen Liebesbeziehungen die Liebe abhanden kommt.

Anders kann ich es mir nicht erklären, dass gleich mehrere Politiker Amt und eigenes Portemonnaie so verquicken, als gehörten sie quasi per Geburtsrecht zusammen, dass Verträge über Liefermengen nicht eingehalten werden oder Absprachen über Notbremsungen. Einige Bundesländer finden in der Not dann doch nicht die Bremse. Auch passt in diesen Zusammenhang, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Wir sollen nicht verreisen, aber die CDU-Bundestagsabgeordnete Karin Strenz fliegt mit ihrem Ehemann vermutlich zur Erholung nach Kuba. Wäre nie rausgekommen, wäre sie nicht auf dem Rückflug kollabiert und anschließend gestorben. Auch Jens Spahn hat sich auf seiner 9999-Euro-Spendenparty mit deutlich mehr Menschen getroffen, als ich Geburtstagsgäste einladen durfte.

Ich beobachte, dass mich dieser fehlende Anstand bei Menschen, die von Steuergeldern bezahlt werden, ärgert und dass es mir schwerfällt, bei diesem Thema den Bogen zum “Glück” zu bekommen. Ich versuche es einmal so: Was für ein Glück, dass diese selektiven und rein subjektiven Beobachtungen fehlenden Anstands der Vergangenheit angehören und dies zukünftig nicht mehr passieren wird. Denn zumindest die CDU-Abgeordneten haben kürzlich alle ein “Weiße-Weste-Papier” unterschrieben. Erinnert mich ein wenig an den Persilschein.

“Was wahrer Anstand ist, weiß man erst, wenn er ganz offensichtlich fehlt. Wahrer Anstand ist nicht nur eine Frage der Form, sondern eine Voraussetzung für ein redliches Leben.” (Miroslav Holub)

Osterruhe gekippt

Ich bin ein wenig enttäuscht. Ich hatte gerade begonnen mit der Vorfreude auf die Osterruhe, da wurde sie auch schon wieder einkassiert. Wenn ich die kommenden Tage bei mir feststelle, dass die Enttäuschung deutlich länger anhält als die Vorfreude, nehme ich mir Gründonnerstag einfach einen Tag Urlaub und mache meine eigene Osterruhe. Das fällt dann in die Rubrik: Selbstfürsorge.

Interessant fand ich allerdings die Argumentation, mit der die Osterruhe gekippt wurde. Es wurde nicht die Wirkung eines harten Lockdowns (das wäre die Osterruhe ja gewesen) in Frage gestellt, sondern man stellte fest, dass es nicht möglich sei, die Osterruhe so schnell umzusetzen. Es gäbe zu viele ungeklärte Dinge bei der praktischen Umsetzung. Wie wird der Tag abgerechnet für Menschen, die arbeiten, und für Menschen, die nicht arbeiten; wie wird die Lieferkette von Schweinefleisch und Babynahrung gewährleistet; fährt die U2 im 10-Minuten-Takt oder im 20-Minuten-Takt. Fragen über Fragen, die erst einmal juristisch umfassend geklärt werden müssen, bevor man handeln kann. Wurde nicht genau dies – übertriebene Administration, die alles blockiert – die letzten Wochen ständig und von allen bemerkelt?

Geben ist seliger als Nehmen

So steht es schon in der Bibel. Inzwischen weiß man, dass sich für ein glückliches Leben mehr Dinge auf der Geben- als auf Nehmenseite ansammeln sollten. Am Wochenende wurde ich auf eine Möglichkeit hingewiesen, wie ich etwas für meine Gebenseite machen und gleichzeitig Musikern helfen kann: Man wünscht sich einfach ihre Lieder im Radio. Häufig werden diese dann gespielt; eventuell freut man sich selbst, weil man die Lieder ja meist auch mag, und über die GEMA erhält die Künstlerin dann Tantiemen. Habe mir gleich bei zwei Radiostationen mein augenblickliches Lieblingslied gewünscht: Marcella Rockefeller “Original” und damit zwei Punkte auf meinem Gebenkonto eingezahlt.

Wochenmarkt

Vor einigen Jahren waren die Hamburger Wochenmärkte kurz vor dem Aus. Niemand ging mehr Sonnabendmorgen oder in der Woche auf den Markt, um Obst und Gemüse zu kaufen. Das hat sich grundlegend geändert. Seit Corona und Homeoffice kaufen die Leute bevorzugt draußen und regional, unverpackt und bio. Hinzu kommt, dass die abendliche Zerstreuung am Freitag stark eingeschränkt ist. Alles zusammen hat zu einem wahren Boom meines kleinen Wochenmarktes geführt. Sonnabendvormittag bilden sich lange Schlangen vor den einzelnen Ständen. Das scheint allerdings niemanden zu stören. Der Wochenmarkt ist wieder zu einem Treffpunkt geworden. Wie in den Markthallen in Spanien verweilen die Menschen nach dem Einkauf auf einen Kaffee und ein Hörnchen, treffen Freunde und reden. In Folge hat sich auch das Angebot geändert: Es gibt zahlreiche “Frühstücksstände” mit Kaffee und Gebäck; es gibt Fischbrötchen und internationales Fingerfood. Eine Mischung aus Außengastronomie und Picknick. Nur die gute alte Wurstbude mit Toastbrot-Dreiecken, fettigen Würstchen und Kaffee von der Warmhalteplatte, die früher zu jedem Wochenmarkt gehörte, hat den Wandel nicht überlebt. Wurstbuden sind weg. Vielleicht kommt ja irgendwann eine Veggi-Wurstbude mit Vollkornbrötchen und Bio-Limo. Wundern würde es mich nicht.