Wir müssen leider draußen bleiben

Gestern Abend bei den Lokalnachrichten bin ich fast vom Sofa gefallen: Ab heute darf man Senioreneinrichtungen in Hamburg nur noch mit einem negativen Corona-Test betreten. Eine Teststation wird die Sozialbehörde Anfang kommender Woche aufbauen. So kurzfristig privat einen negativen Corona-Test zu bekommen, ist quasi unmöglich, denn seit Tagen liest man, dass die Testkapazitäten überall ausgeschöpft und die Termine ausgebucht sind. Der Erlass kommt somit in den meisten Fällen einem Besuchsverbot gleich. Die wenigsten Senioreneinrichtungen haben zudem ausreichend Schnelltests und personelle Kapazitäten für die Besucher über die Weihnachtstage.

Ich bin verärgert. Nicht darüber, dass vor dem Betreten ein negativer Test erforderlich ist, sondern darüber dass keine gangbare Lösung mitgeliefert wird. Bei den Schulen lief es ähnlich. Auch Schulen will die Politik offiziell nicht schließen. Man verlängert nur die Ferien und hebt die Schulpflicht auf und schwubs hat man das Problem an die Eltern weitergegeben.

Da Glück auch viel mit Handeln zu tun hat, war ich natürlich heute Nachmittag nicht untätig. Kurzfristig hatte ich die Idee, mir einen Schwangerschaftstest zu besorgen, draufzupinkeln und zu beobachten, wie er negativ wird. Corona-Schnelltests und Schwangerschaftstests sollen sich nämlich stark ähneln. Mit dem Test und dem Einkaufsbon (keine 24 Stunden alt) wäre ich dann morgen ins Seniorenhaus gegangen. Die Idee hat mich kurzzeitig amüsiert; ich habe sie dennoch verworfen.

Also bin ich zum Corona-Zentrum am Omnibusbahnhof. „Ist Ihre App angesprungen?“ „Nö.“ „Kommen Sie aus einem Risiko-Gebiet?“ „Nö.“ „Hat das Gesundheitsamt Sie vorgeladen?“ „Nö.“ „Dann können wir nichts für Sie tun.“ Ich musste mich daraufhin erst einmal wieder einfangen, sonst wäre mir wohlmöglich die Hutschnur geplatzt. Wochenlang übe ich mich in den AHA-Regeln, reduziere Kontakte und wenn man dann auch einmal einen Test braucht, bekommt man ihn nicht.

Wichernkranz St. Jakobi

Zum Einfangen habe ich mich ein wenig an den Wichernkranz gesetzt und dem Orgelspiel in St. Jakobi zugehört, einer Hauptkirche in der Innenstadt in Bahnhofsnähe. Im Kirchenschiff saßen verteilt ca. 10 Personen; eine Frau mit einem Hackenporsche durchquerte die Kirche. Erst dachte ich, sie hat Weihnachtseinkäufe gemacht und geht jetzt noch einmal kurz in die Kirche. Da fiel mir ein, dass die Angestellten in der Regel im Homeoffice sind und die Innenstadt für Lebensmitteleinkäufe nicht die erste Wahl ist. Die Frau steuerte mit ihrem Hackenporsche schnurstracks auf die Toiletten zu. Da wurde mir klar, dass in der Kirche im Lockdown vermutlich die letzten offenen Toiletten sind und wie schwer der Lockdown für wohnungslose Menschen sein muss. In dem Moment hatte sich vieles relativiert. Ich bin immer noch traurig und enttäuscht, dass der Weihnachtsplan B nichts wird, aber auch das geht vorbei, und es wird sich ein Plan C finden.

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